Archiv der Kategorie sovereign wealth fonds

“In zwei Jahren platzt die China-Blase”


Quelle: http://www.welt.de/die-welt/finanzen/article5043625/In-zwei-Jahren-platzt-die-China-Blase.html

 Von Das Gespräch führte Frank Stocker 1. November 2009, 04:00 Uhr

Asien-Experte Andy Xie über die Grenzen des Wachstums, fehlgeleitete Staatsgelder und seine eigene Anlagestrategie

Als Chefökonom für Asien bei der Investmentbank Morgan Stanley war Andy Xie ein weltweit viel beachteter Experte. 2006 jedoch kostete ihn eine interne E-Mail, die an die Öffentlichkeit gelangt war, den Job. Darin hatte er über einen Empfang durch den Premierminister von Singapur berichtet und sich über die Speichelleckerei der Gäste ausgelassen, die er nicht verstehen konnte, da Singapur doch eigentlich nur als “Geldwäscherei für das Vermögen korrupter Geschäftsleute und Politiker aus Indonesien” groß geworden sei. Auf Druck der Regierung des Stadtstaates musste Morgan Stanley Xie daraufhin entlassen - ohne dass freilich jemand die Vorwürfe gegenüber Singapur nachhaltig widerlegt hätte. Xie ist heute als selbstständiger, viel gefragter Experte tätig und hat sich dabei zu einer Art Crash-Prophet Chinas entwickelt.

Welt am Sonntag: Chinas Wirtschaft wächst wieder um rund acht Prozent. Hier scheint die Krise überwunden.

Andy Xie: So scheint es. Aber dies wurde vor allem durch eine massive Ausweitung der Bankkredite erreicht.

Welt am Sonntag: Wo ist das Problem?

Xie: Ein großer Teil des Geldes fließt in den Immobilienmarkt. Dort entwickelt sich derzeit eine Blase. Im September lagen die Preise um 2,8 Prozent über jenen des Vorjahres. Allein gegenüber August sind sie um 0,7 Prozent gestiegen.

Welt am Sonntag: Aber die chinesische Regierung hat die Banken doch schon angewiesen, bei der Kreditvergabe restriktiver zu sein.

Xie: Trotzdem ist das Darlehensvolumen zuletzt wieder gestiegen. Das liegt vor allem auch an den Banken in den ländlichen Regionen, die nicht so stark von der Zentralregierung kontrolliert werden können. Viele Banken helfen den Kunden auch aktiv, die Restriktionen zu umgehen. So muss beispielsweise höhere Zinsen zahlen, wer ein zweites Apartment kauft. Oft werden dann aber einfach gefälschte Scheidungsdokumente besorgt - und schon kann ein Ehepaar zu den günstigen Konditionen auch das zweite Apartment kaufen.

Welt am Sonntag: Aber in einem Land, das so schnell wächst wie China, ist es ziemlich normal, dass die Wohnungspreise steigen.

Xie: Aber nicht so schnell. Die Immobilienpreise steigen seit einiger Zeit deutlich schneller als die Einkommen. Und die Geschichte lehrt: Wann immer dies so ist, kommt es irgendwann zum Crash. Das war in Japan Ende der 80er-Jahre so, das war 1997 in Hongkong so und das war in den USA und Großbritannien zuletzt so.

Welt am Sonntag: Und wann platzt die Immobilienblase in China?

Xie: In etwa zwei Jahren. Dann werden viele chinesische Banken wieder unter großen Summen an Problemkrediten leiden.

Welt am Sonntag: Und was folgt dann?

Xie: China hat eine riesige Bevölkerung, die nur ein Ziel hat: endlich etwas Wohlstand erlangen. Dafür sind die Menschen bereit, hart zu arbeiten. Und solange der Trend zur Verstädterung anhält, kann das Wachstum auch weitergehen. Denn eine Stadt zu bauen ist ein recht einfacher Weg der Kapitalakkumulation. Daher wird nach dem Platzen der Blase das Wachstum vielleicht etwas geringer ausfallen, es wird aber wieder weiter aufwärtsgehen. Vorerst.

Welt am Sonntag: Warum vorerst?

Xie: Weil auch hier ein Ende abzusehen ist. Die Erfahrungen in Japan und Korea haben gezeigt: Bei einem Urbanisierungsgrad von etwa 70 bis 75 Prozent ist Schluss. Chinas Bevölkerung lebt derzeit zu etwa 50 Prozent in den Städten. Weitere 250 Millionen dürften also voraussichtlich noch in die Städte ziehen. Für 20 bis 30 Millionen entstehen Jahr für Jahr neue Wohnungen. In zehn Jahren dürfte dieser Trend also in etwa auslaufen. Und gleichzeitig kommt dann hinzu, dass die Demografie kippen wird. Dann wird die Bevölkerung zunehmend altern, die Zahl der Arbeitskräfte wird stagnieren oder sogar zurückgehen. In etwa zehn Jahren endet also die positive Wirkung, der beiden Faktoren, die heute maßgeblich Chinas Wachstum treiben: die Urbanisierung und die günstige Demografie.

Welt am Sonntag: Was müsste die Regierung tun?

Xie: Statt Milliarden in den Immobiliensektor zu pumpen, müsste sie Innovation und Effizienzsteigerung in den Unternehmen fördern. Dazu müsste beispielsweise der Aktienmarkt endlich frei werden - bislang bestimmt die Regierung, welche Unternehmen an die Börse dürfen. Wenn dies künftig allein die Entscheidung der Unternehmen wäre, dann würden sich dort die besten und innovativsten versammeln, nicht jene, die von der Regierung ausgewählt wurden. Und das wäre dann ein Ansporn für andere Firmen, ebenfalls besser zu werden.

Welt am Sonntag: China will ja immerhin Shanghai bis 2020 zu einem internationalen Finanzzentrum ausbauen.

Xie: Dafür müsste aber erst einmal die Währung frei konvertierbar werden. Und dafür sehe ich derzeit keine Anzeichen.

Welt am Sonntag: Was spricht dagegen?

Xie: Das würde die Exportindustrie enorm unter Druck setzen, weil der Yuan wohl deutlich aufwerten würde. Diese Firmen stöhnen aber bereits jetzt unter enormen Kostensteigerungen. Der Yuan hat in den vergangenen vier Jahren schon 20 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet. Die Löhne sind zudem um rund 50 Prozent gestiegen. Und viele ausländische Produktionsstätten, die zuvor steuerfrei gestellt waren, müssen jetzt auch Steuern bezahlen. Dadurch haben sich die Kosten in den vergangenen vier Jahren glatt verdoppelt.

Welt am Sonntag: Noch scheint aber China unangefochten als Werkbank der Welt.

Xie: Ein Drittel der Exportindustrie ist in Gefahr, vor allem jene Firmen, die leicht verlagert werden können. Zur Herstellung von Turnschuhen oder Möbeln braucht man nur einen Produktionsstandort in Hafennähe und Arbeiter. Dann stellt man dort Maschinen aus Deutschland oder Japan auf und es kann losgehen. Schon heute wandert manche Firma von China nach Bangladesch, Vietnam oder Indonesien ab.

Welt am Sonntag: China versucht ja aber auch, durch Investitionen in ausländische Firmen in der Wertschöpfungskette aufzusteigen. Dafür hat es immerhin riesige Dollarreserven und einen eigenen Staatsfonds.

Xie: Dieser Staatfonds hat bisher vor allem viel Geld versenkt, indem er vor der Krise in amerikanische Banken investiert hat. Das ist leider so, wenn Regierungen sich als Investoren versuchen. Sie sollte sich stattdessen lieber darauf konzentrieren, die Staatsunternehmen zu privatisieren. Das würde wesentlich mehr zur Steigerung der Effizienz beitragen.

Welt am Sonntag: Wie investieren Sie eigentlich selbst Ihr Geld?

Xie: Ich setze vor allem auf die chinesischen Energieunternehmen. Vor allem alle Firmen, die mit Erdgas zu tun haben, dürften in den kommenden Jahren stark wachsen. Gerade erst hat China ja einen Vertrag mit Russland zur Erdgaslieferung geschlossen. Außerdem muss China verstärkt in Atomenergie investieren, um den Ausstoß von CO2 zu reduzieren.

Welt am Sonntag: Dann haben Sie dafür aber tödlichen Atommüll, der für die nächsten zwei Millionen Jahre sicher gelagert werden muss.

Xie: Das ist kein Problem. Wir haben doch die Wüste Gobi und andere, riesige, unbewohnte Gebiete. Dort kann man den Atommüll problemlos endlagern.

Hälfte der Bundesanleihen geht an Notenbanken


26. Oktober 2009 Zu den Mysterien der Finanzkrise zählt, dass der deutsche Staat sich trotz aller Konjunkturpakete und Rettungsaktionen für die Banken günstig finanziert. Selten fiel Schuldenmachen so leicht: Eine zehnjährige Bundesanleihe ist, wenn sie in diesen Tagen begeben wird, mit knapp 3,4 Prozent verzinst.

Der rekordniedrige Leitzins von einem Prozent kann das niedrige Niveau der Verzinsung nicht allein erklären, zumal die Schuld rasant wächst - allein im nächsten Jahr in der Größenordnung von 100 Milliarden Euro und bis zum Jahr 2013 werden etwa 250 Milliarden Euro an Nettoneuverschuldung erwartet. Die Inflation ist als Schreckgespenst für die nähere Zukunft zwar kein Thema. Mittelfristig rechnen die meisten Anleger aber mit Teuerungsraten von mehr als 2 Prozent, Pessimisten mit einem noch höheren Tempo der Geldentwertung.

Wer kauft die Staatsanleihen?

Trotzdem kann die Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH die neuen Anleihen, die sie für den Bund begibt, bisher ohne größere Schwierigkeiten verkaufen. Allein in diesem Jahr wird sie neue Schuldtitel von 329 Milliarden Euro begeben. Im vergangenen Jahr gab es zwar zwei Emissionen, bei denen die Nachfrage geringer als das Angebot war. Doch das waren Ausnahmen. In der Regel gehen die Auktionen, meist montags und mittwochs, geräuschlos über die Bühne.

Wer sind also die Käufer, die sich in guten, noch mehr aber in schlechten Zeiten mit Bundesanleihen eindecken? Verkauft werden die Anleihen an die 27 Banken der Bietergruppe, darunter Deutsche Bank, Commerzbank und DZ Bank, aber auch ausländische Adressen wie Morgan Stanley und Credit Suisse. Sie sind nur Mittler und verkaufen die Anleihen zum überwiegenden Teil weiter.

Genaue amtliche Zahlen über die Investoren gibt es nicht. Bei der Finanzagentur heißt es, dass etwa die Hälfte der Anleihen im Euro-Raum verkauft wird, ein gutes Viertel nach Asien und der Rest überwiegend an Anleger, die in Dollar, Pfund und Schweizer Franken rechnen. Über die Daueremissionen, zum Beispiel Bundesschatzbriefe, erhalte der Bund etwa 3 Prozent seines geliehenen Geldes direkt von inländischen Privatanlegern, sagt ein Sprecher der Schuldenagentur.Aus inoffiziellen Quellen sind auch für den großen Rest detailliertere Schätzungen zu hören. “Wenn heute eine Bundesanleihe verkauft wird, geht mindestens die Hälfte an Notenbanken und Staatsfonds im Ausland”, sagt ein Fachmann aus dem Umfeld der Finanzagentur. Die Käufe der Zentralbanken habe es schon immer gegeben, aber ihr Anteil sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

… Notenbanken und Staatsfonds im Ausland

Mit der Einführung des Euro hätten zunächst viele Zentralbanken ihre Währungsreserven aus der Gemeinschaftswährung abgezogen. Der Dollaranteil stieg stark an. Von Mitte 2002 an begann von Asien ausgehend eine Gegenbewegung, die sich von 2005 an verstärkte. Besonders asiatische Zentralbanken versuchen seitdem den Dollar-Anteil an ihren Reserven zu reduzieren, auch zugunsten des Euro. In den vergangenen zehn Jahren ist dadurch der Euro-Anteil an den veröffentlichten Währungsreserven - sie machen etwa die Hälfte der gesamten Reserven aus - von 18 auf 26 Prozent gestiegen. Es gibt Schätzungen, dass der Anteil an den gesamten Währungsreserven deutlich höher liegt, weil Länder wie Venezuela und Iran dem Vernehmen nach neue Mittel gar nicht oder kaum noch in Dollar anlegen und bei der Neuanlage vor allem auf den Euro ausweichen.

Von dieser hohen Nachfrage der Zentralbanken profitiert vor allem der deutsche Staat. Denn wenn sich die ausländischen Notenbanken zu einer Diversifizierung ihrer Reserven entschlössen, bevorzugten sie den liquidesten Markt und den Schuldner mit dem besten Ruf, erläutert ein Berater institutioneller Anleger. Das sei in Europa noch immer der Bund.

Diese Bevorzugung drückt sich auch in den Finanzierungskonditionen aus. Nachdem im Jahr 2006 die Zinsen der meisten Staaten des Euro-Raums noch nahezu gleichauf lagen - zeitweise waren die Konditionen für Frankreich sogar etwas günstiger als für Deutschland - haben sich in der Finanzkrise wieder hohe Unterschiede herausgebildet. Andere Länder wie Frankreich oder Österreich, die auch einen sehr guten Ruf als Schuldner haben, müssen ihren Gläubigern derzeit einen Renditeaufschlag von etwa 0,3 Prozentpunkten bieten im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen. Länder wie Griechenland zahlen für ihre neuen langfristigen Anleihen derzeit sogar mehr als ein Prozent Zinsaufschlag.

Text: ruh., F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

 anleihen-und-risikopramien-10-2009.jpg

Getreide ist das neue Gold

Von Frank Seidlitz 25. Oktober 2009, 04:00 Uhr

http://www.welt.de/die-welt/wirtschaft/article4967889/Getreide-ist-das-neue-Gold.html

Ein Wettlauf um Ackerböden und Rohstoffquellen ist entbrannt. Reiche Schwellenländer wie Saudi-Arabien und Wachstumsriesen wie China sichern sich weltweit Land und Anbaulizenzen. Die Uno warnt schon vor einem “Neokolonialismus”. Die Regierungen der Industriestaaten sind alarmiert, denn das Ringen um Nahrungsmittel- und Ölversorgung droht politische Konflikte zu provozieren

Die Unterschrift kostete Marc Ravalomanana sein Amt. Schon in den Wochen und Monaten vor dem Vertragsabschluss zwischen der Regierung Madagaskars und dem südkoreanischen Daewoo-Konzern rumorte es auf der Insel vor Afrika gewaltig. Ravalomanana löste einen regelrechten Bürgerkrieg aus: Dem Präsidenten wurden ein diktatorischer Regierungsstil und massive Korruption vorgeworfen. Der Vertrag mit Daewoo war dann nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte der 59-Jährige die Hälfte des fruchtbaren Ackerlandes Madagaskars verscherbeln wollen. Auf rund 1,3 Millionen Hektar hätte Daewoo über 99 Jahre etwa Futtermais für Südkoreas Schweine anbauen können. Dabei ist Madagaskar selbst auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Im Februar stürzte er dann über diesen Landverkauf.

Das war ein vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die in Zukunft für noch heftigere Auseinandersetzungen und Wirtschaftskonflikte sorgen könnte: “Offshore Farming”. Kritiker nennen es schlicht “Landraub”. Der weltweite Wettlauf um Grund und Boden hat in den letzten beiden Jahren enorme Ausmaße angenommen. “Nach den Rekordpreisen beim Öl drohen nun Preisexplosionen bei Agrarböden und Rohstoffen und neue Verteilungskämpfe um die knappen Güter”, warnt ein ranghoher Diplomat des Auswärtigen Amtes. Der Daewoo-Vertrag mit Madagaskar ist dafür der beste Beleg und reiht sich in eine Entwicklung ein, die derzeit stark an Geschwindigkeit gewinnt.

Reiche Ölstaaten und boomende Schwellenländer sichern sich weltweit immer mehr Agrarflächen, Abbaugebiete für seltene Rohstoffe und exklusive Lizenzen für die eigene Ölversorgung. Experten schätzen, dass allein in Afrika innerhalb von drei Jahren rund 20 Millionen Hektar an ausländische Investoren gegangen sind. Unter denen, besonders brisant, befinden sich immer öfter auch staatliche Akteure. Jacques Diouf, der Chef der Welternährungsorganisation FAO, warnt daher bereits vor einem “Neokolonialismus” und neuen Abhängigkeiten in der Weltwirtschaft.

|