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- 16.11.2009: The Wörgl Experiment / Silvio Gesell
- 15.11.2009: Corporate Social Responsibility Key to Successful Global Marketing
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- 3.11.2009: "In zwei Jahren platzt die China-Blase"
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- 26.10.2009: Getreide ist das neue Gold
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Archiv der Kategorie economy
The Wörgl Experiment / Silvio Gesell
16.11.2009 von Guido.
Worgl was the site of the “Miracle of Worgl” during the Great Depression. It was started on the 31st of July 1932 with the issuing of “Certified Compensation Bills”, a form of currency commonly known as Stamp Scrip, or Freigeld. This was an application of the monetary theories of the economist Silvio Gesell by the town’s then mayor, Michael Unterguggenberger.
The experiment resulted in a growth in employment and meant that local government projects such as new houses, a reservoir , a ski jump and a bridge could all be completed, seeming to defy the depression in the rest of the country. Inflation and deflation are also reputed to have been non-existent for the duration of the experiment.[2]
Despite attracting great interest at the time, including from French Premier Edouard Daladier and the economist Irving Fisher[3], the “experiment” was terminated by the Austrian National Bank on the 1st September 1933 on the basis of the “Certified Compensation Bills” being a threat to the Bank’s monopoly on printing money.[4][5][6][7]
In 2006 milestones were placed, beginning from the railroad station through the downtown, to show this history, on top of questioning the authenticity of never-ending exponential growth triggered by the compound interest.
Silvio Gesell
From Wikipedia, the free encyclopedia
Silvio Gesell (March 17, 1862 in Sankt Vith (now Belgium) – March 11, 1930 in Oranienburg) was a German merchant, theoretical economist, social activist, anarchist and founder of Freiwirtschaft.
Opinions
He considered himself a world citizen and believed Earth should belong to all people, regardless of race, gender, class, wealth, religion and age and that borders should be made obsolete.
Gesell founded his economic thoughts on the self-interest of people as a natural, healthy motive to act, which allows the individual to follow the satisfaction of his/her needs and to be productive. The economic system must do justice to this pre-condition, otherwise this system would undoubtedly fail. This is why, Gesell called his proposed economic system “natural”. This stance put him in a clear opposition to Karl Marx, who called for a change in the social conditions.
Taking selfishness into account, Gesell called for free, fair business competition with equal chances for all. This included the removal of all legal and inherited privileges. Everyone should rely only on his personal abilities in order to make a living. In the “natural economic order”, which he aimed for, the most talented people would have the highest income, without distortion by interest and rent charge. The economic status of the less talented would also improve, because they wouldn’t be forced to pay interest and rent charge. According to Gesell, this would lead to an equalization between the poor and the rich. Further, there would be more means available to help the poor, because the higher average income would mean that everyone would have enough money to spare what is necessary to help
http://www.themoneyfix.org/content/video-money-fix
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“In zwei Jahren platzt die China-Blase”
3.11.2009 von Guido.
Quelle: http://www.welt.de/die-welt/finanzen/article5043625/In-zwei-Jahren-platzt-die-China-Blase.html
1. November 2009, 04:00 Uhr
Asien-Experte Andy Xie über die Grenzen des Wachstums, fehlgeleitete Staatsgelder und seine eigene Anlagestrategie
Als Chefökonom für Asien bei der Investmentbank Morgan Stanley war Andy Xie ein weltweit viel beachteter Experte. 2006 jedoch kostete ihn eine interne E-Mail, die an die Öffentlichkeit gelangt war, den Job. Darin hatte er über einen Empfang durch den Premierminister von Singapur berichtet und sich über die Speichelleckerei der Gäste ausgelassen, die er nicht verstehen konnte, da Singapur doch eigentlich nur als “Geldwäscherei für das Vermögen korrupter Geschäftsleute und Politiker aus Indonesien” groß geworden sei. Auf Druck der Regierung des Stadtstaates musste Morgan Stanley Xie daraufhin entlassen - ohne dass freilich jemand die Vorwürfe gegenüber Singapur nachhaltig widerlegt hätte. Xie ist heute als selbstständiger, viel gefragter Experte tätig und hat sich dabei zu einer Art Crash-Prophet Chinas entwickelt.
Welt am Sonntag: Chinas Wirtschaft wächst wieder um rund acht Prozent. Hier scheint die Krise überwunden.
Andy Xie: So scheint es. Aber dies wurde vor allem durch eine massive Ausweitung der Bankkredite erreicht.
Welt am Sonntag: Wo ist das Problem?
Xie: Ein großer Teil des Geldes fließt in den Immobilienmarkt. Dort entwickelt sich derzeit eine Blase. Im September lagen die Preise um 2,8 Prozent über jenen des Vorjahres. Allein gegenüber August sind sie um 0,7 Prozent gestiegen.
Welt am Sonntag: Aber die chinesische Regierung hat die Banken doch schon angewiesen, bei der Kreditvergabe restriktiver zu sein.
Xie: Trotzdem ist das Darlehensvolumen zuletzt wieder gestiegen. Das liegt vor allem auch an den Banken in den ländlichen Regionen, die nicht so stark von der Zentralregierung kontrolliert werden können. Viele Banken helfen den Kunden auch aktiv, die Restriktionen zu umgehen. So muss beispielsweise höhere Zinsen zahlen, wer ein zweites Apartment kauft. Oft werden dann aber einfach gefälschte Scheidungsdokumente besorgt - und schon kann ein Ehepaar zu den günstigen Konditionen auch das zweite Apartment kaufen.
Welt am Sonntag: Aber in einem Land, das so schnell wächst wie China, ist es ziemlich normal, dass die Wohnungspreise steigen.
Xie: Aber nicht so schnell. Die Immobilienpreise steigen seit einiger Zeit deutlich schneller als die Einkommen. Und die Geschichte lehrt: Wann immer dies so ist, kommt es irgendwann zum Crash. Das war in Japan Ende der 80er-Jahre so, das war 1997 in Hongkong so und das war in den USA und Großbritannien zuletzt so.
Welt am Sonntag: Und wann platzt die Immobilienblase in China?
Xie: In etwa zwei Jahren. Dann werden viele chinesische Banken wieder unter großen Summen an Problemkrediten leiden.
Welt am Sonntag: Und was folgt dann?
Xie: China hat eine riesige Bevölkerung, die nur ein Ziel hat: endlich etwas Wohlstand erlangen. Dafür sind die Menschen bereit, hart zu arbeiten. Und solange der Trend zur Verstädterung anhält, kann das Wachstum auch weitergehen. Denn eine Stadt zu bauen ist ein recht einfacher Weg der Kapitalakkumulation. Daher wird nach dem Platzen der Blase das Wachstum vielleicht etwas geringer ausfallen, es wird aber wieder weiter aufwärtsgehen. Vorerst.
Welt am Sonntag: Warum vorerst?
Xie: Weil auch hier ein Ende abzusehen ist. Die Erfahrungen in Japan und Korea haben gezeigt: Bei einem Urbanisierungsgrad von etwa 70 bis 75 Prozent ist Schluss. Chinas Bevölkerung lebt derzeit zu etwa 50 Prozent in den Städten. Weitere 250 Millionen dürften also voraussichtlich noch in die Städte ziehen. Für 20 bis 30 Millionen entstehen Jahr für Jahr neue Wohnungen. In zehn Jahren dürfte dieser Trend also in etwa auslaufen. Und gleichzeitig kommt dann hinzu, dass die Demografie kippen wird. Dann wird die Bevölkerung zunehmend altern, die Zahl der Arbeitskräfte wird stagnieren oder sogar zurückgehen. In etwa zehn Jahren endet also die positive Wirkung, der beiden Faktoren, die heute maßgeblich Chinas Wachstum treiben: die Urbanisierung und die günstige Demografie.
Welt am Sonntag: Was müsste die Regierung tun?
Xie: Statt Milliarden in den Immobiliensektor zu pumpen, müsste sie Innovation und Effizienzsteigerung in den Unternehmen fördern. Dazu müsste beispielsweise der Aktienmarkt endlich frei werden - bislang bestimmt die Regierung, welche Unternehmen an die Börse dürfen. Wenn dies künftig allein die Entscheidung der Unternehmen wäre, dann würden sich dort die besten und innovativsten versammeln, nicht jene, die von der Regierung ausgewählt wurden. Und das wäre dann ein Ansporn für andere Firmen, ebenfalls besser zu werden.
Welt am Sonntag: China will ja immerhin Shanghai bis 2020 zu einem internationalen Finanzzentrum ausbauen.
Xie: Dafür müsste aber erst einmal die Währung frei konvertierbar werden. Und dafür sehe ich derzeit keine Anzeichen.
Welt am Sonntag: Was spricht dagegen?
Xie: Das würde die Exportindustrie enorm unter Druck setzen, weil der Yuan wohl deutlich aufwerten würde. Diese Firmen stöhnen aber bereits jetzt unter enormen Kostensteigerungen. Der Yuan hat in den vergangenen vier Jahren schon 20 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet. Die Löhne sind zudem um rund 50 Prozent gestiegen. Und viele ausländische Produktionsstätten, die zuvor steuerfrei gestellt waren, müssen jetzt auch Steuern bezahlen. Dadurch haben sich die Kosten in den vergangenen vier Jahren glatt verdoppelt.
Welt am Sonntag: Noch scheint aber China unangefochten als Werkbank der Welt.
Xie: Ein Drittel der Exportindustrie ist in Gefahr, vor allem jene Firmen, die leicht verlagert werden können. Zur Herstellung von Turnschuhen oder Möbeln braucht man nur einen Produktionsstandort in Hafennähe und Arbeiter. Dann stellt man dort Maschinen aus Deutschland oder Japan auf und es kann losgehen. Schon heute wandert manche Firma von China nach Bangladesch, Vietnam oder Indonesien ab.
Welt am Sonntag: China versucht ja aber auch, durch Investitionen in ausländische Firmen in der Wertschöpfungskette aufzusteigen. Dafür hat es immerhin riesige Dollarreserven und einen eigenen Staatsfonds.
Xie: Dieser Staatfonds hat bisher vor allem viel Geld versenkt, indem er vor der Krise in amerikanische Banken investiert hat. Das ist leider so, wenn Regierungen sich als Investoren versuchen. Sie sollte sich stattdessen lieber darauf konzentrieren, die Staatsunternehmen zu privatisieren. Das würde wesentlich mehr zur Steigerung der Effizienz beitragen.
Welt am Sonntag: Wie investieren Sie eigentlich selbst Ihr Geld?
Xie: Ich setze vor allem auf die chinesischen Energieunternehmen. Vor allem alle Firmen, die mit Erdgas zu tun haben, dürften in den kommenden Jahren stark wachsen. Gerade erst hat China ja einen Vertrag mit Russland zur Erdgaslieferung geschlossen. Außerdem muss China verstärkt in Atomenergie investieren, um den Ausstoß von CO2 zu reduzieren.
Welt am Sonntag: Dann haben Sie dafür aber tödlichen Atommüll, der für die nächsten zwei Millionen Jahre sicher gelagert werden muss.
Xie: Das ist kein Problem. Wir haben doch die Wüste Gobi und andere, riesige, unbewohnte Gebiete. Dort kann man den Atommüll problemlos endlagern.
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Der Geldzauberer
3.10.2007 von Guido.
brand eins 9/2003
Vor 70 Jahren beendete der Wiener Verwaltungsgerichtshof das spektakulärste Geldexperiment der Wirtschaftsgeschichte: Der Tiroler Ort Wörgl hatte mit einer Lokalwährung erfolgreich die Deflation der dreißiger Jahre bekämpft – 170 österreichische Gemeinden wollten sich dem Versuch anschließen.
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Text: Thomas Wendel |
Wörgl, 8. Dezember 1943, acht Uhr früh. Die Limousine kam im Morgengrauen, aus den Bergen. SS-Hauptsturmführer Sebastian Wimmer lässt an der einzigen Zapfsäule des Ortes tanken. Der Kriegsgefangene im Wagenfond mustert aufmerksam die Fassaden: „Die Geschäfte sind geöffnet“, notiert Édouard Daladier in sein Tagebuch, „aber die Waren stehen verlassen in den Schaufenstern.“
Daladier hat Wörgl anders in Erinnerung. Schon einmal ist er hier gewesen, im Sommer 1933. Damals war Daladier noch Frankreichs Ministerpräsident. Und er kam eigens angereist, nur um Wörgls regen Handel zu studieren. In den Alpen werde die „Revolution von 1789 in wirtschaftlicher Hinsicht“ fortgesetzt, berichtete er begeistert seinen sozialistischen Parteifreunden zu Hause. Daladier versucht, sich an den seltsamen Namen des „Bourgemestre“ zu erinnern. Vergebens.
Unterguggenberger, Michael. Geboren am 15. August 1884 in Hopfgarten/Tirol. Bauernsohn aus armen Verhältnissen. Mit zwölf Jahren Hilfsarbeiter im Sägewerk. Mechanikerlehre, Wanderjahre am Bodensee, in Galizien, Schlesien. 1905 Heimkehr ins Tiroler Unterland. Er wird Lokomotivführer an der Brennerstrecke, Bahnknoten Wörgl. Der kleinwüchsige Mann mit dem Schnauzbart schafft es bis auf den Posten des Gewerkschaftsführers des aufstrebenden Industrieortes und verachtfacht die Mitgliederzahl: Von 4216 Einwohnern sind bald 800 in der Gewerkschaft. Wegen Herz-Lungen-Schwäche Frühpensionierung. Unterguggenberger führt nun die Sozialdemokraten im Gemeinderat. 1931 bestimmt ihn das Los zum Bürgermeister. Von den marxistischen Losungen der Wiener Parteizentrale hält er nichts. Er ist Autodidakt. Er liest viel. Überlegt. Handelt.
Österreich, 1932. Im Land legen Mitglieder des sozialdemokratischen Schutzbundes Waffenlager an. Ihre Gegner, die faschistischen Heimwehr-Milizen, paradieren in Fantasieuniformen durch die Städte. Mit dem Zusammenbruch der Wiener Creditanstalt hat die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreicht. Mit Milliarden aus dem Ausland hatte die größte Bank Österreichs Industrieaktien gekauft und an die erworbenen Firmen Großkredite ausgereicht. Dann rutschen die Kurse: Der Schwarze Freitag am 25. Oktober 1929 macht weltweit über Nacht Kreditsicherheiten wertlos. Aus Angst vor Verlusten ziehen Gläubiger Kapital ab. Horten es. Der Schilling wird knapp. Er steigt im Wert. Die Preise sinken. Weil morgen alles billiger zu werden verspricht als heute, wird jeder Kauf auf morgen verschoben. Und morgen auf übermorgen. Waren finden keine Käufer mehr, Löhne werden nicht bezahlt. Der Dominoeffekt reißt tausende Firmen mit. Während der Deflation bis 1933 verdreifacht sich die Zahl der Arbeitslosen auf 557 000, die Wirtschaftsleistung sackt um 23 Prozent ab.
Wörgl, Dienstag, 5. Juli 1932. Die Bauern, die frühmorgens ihre Kühe mit Pfiffen Richtung Brixental auf die Weide treiben, nehmen die zusammengekauerten Gestalten nur schemenhaft wahr. Als aber Michael Unterguggenberger gegen neun Uhr die staubige Brixentaler Straße entlangläuft, sind sie, von der Sonne grell erleuchtet, vorm Gemeindeamt unübersehbar: die „Ausgesteuerten“. 200 von ihnen zählt Wörgl. Sie haben weder Arbeit, noch erhalten sie die karge staatliche Notunterstützung. Mittags klopfen die Habenichtse an die Türen der Bauernhäuser, um eine Suppe zu ergattern. Unterguggenberger schämt sich.
Im Rathaus wartet Gemeindesekretär Rudolf Winkler und legt dem Bürgermeister die angeforderten Zahlen auf den Tisch: 400 Arbeitslose in Wörgl, 1500 in der Umgebung. Am übelsten hat es die Zellulosefabrik erwischt. 1930 produzierten 410 Arbeiter Zellstoff für die Pariser Presse, jetzt bewachen gerade noch elf die eingemotteten Maschinen. Von der Gemeinde können in Not geratene Bürger nichts erwarten. Ganze 3000 Schilling Einnahmen konnte die Ortskasse in sechs Monaten verbuchen. 1928 wurde hundertmal so viel eingenommen. Zwar stehen 118000 Schilling Steuern aus. Doch die Säumigen, weiß der Bürgermeister, können keinen Groschen entbehren. Wörgl ist pleite. „Zeit für eine Revolution“, denkt er.
Die Revolution des Sozialdemokraten Unterguggenberger beginnt am Nachmittag und hat seltsame Züge. Es sind jene des reaktionären Heimwehr-Kommandanten Georg von Stawa sowie des Ortspfarrers Matthias Riedelsperger. Die beiden Honoratioren werden auf der Sitzung des Wohlfahrtsausschusses zu Treuhändern der Nothilfe Wörgl bestellt. Jeden der 20 Gemeinderäte hatte Unterguggenberger zuvor einzeln darauf eingeschworen. Jetzt hören die Räte dem Antrag zu: „Langsamer Geldumlauf ist die Hauptursache der Wirtschaftslähmung“, hebt der Bürgermeister an. Der träge Schilling solle ersetzt werden durch „Arbeitsbestätigungen zu einem, fünf und zehn Schilling“.
Wörgls Banknoten sehen aus wie voll geklebte Rabattmarken-Heftchen. Das Geld rostet
Das so genannte Freigeld. Eine Erfindung Silvio Gesells. Der Deutsch-Argentinier hatte in seinem 1916 erschienenen Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ den Kern der Ausbeutung – anders als Karl Marx – nicht im Privatbesitz an Produktionsmitteln geortet. Vielmehr sei die Vormachtstellung des Geldes im Wirtschaftskreislauf daran schuld: Während Waren verfaulten, verrotteten oder veralteten, ließen sich Münzen und Banknoten ohne Wertverluste horten. Da Geld aber als „Fußball der Volkswirtschaft“ (Gesell) ständig zum Warenaustausch gebraucht werde, könnten Geldbesitzer von allen Arbeitenden – Unternehmern wie Arbeitern – Zinsen ohne Gegenleistung erpressen. Und nur noch von ihrem Vermögen leben.
Diesen leistungslosen Einkommen wollte Gesell durch dosierte Wertverluste einzelner Banknoten beikommen. Geld sollte „rosten“. Überflüssiges Kapital würde dann, so hoffte Gesell, ohne Rendite-Erwartung auf die Bank getragen, Unternehmer könnten Kredite zu gegen null Prozent fallenden Zinsen aufnehmen; Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und Inflation würden wie die Kapitalrentner allmählich verschwinden.
Unterguggenberger ist begeistert von dieser Idee. Arbeitsbestätigungen sollen deshalb an jedem Monatsersten ein Prozent ihres Wertes einbüßen. Um damit danach einkaufen gehen zu können, müssen die Besitzer Wörgls Notgeld wieder aufwerten. Die dafür notwendigen Klebemärkchen können die Bürger gegen Zahlung von einem Prozent des Wertes bei der Gemeindekasse erwerben. Wie ein voll geklebtes Rabattheftchen sehen Wörgls Banknoten deshalb bald aus. Damit die Bürger das „Schwundgeld“, wie es der Volksmund bald nennt, auch als Zahlungsmittel akzeptieren, sind die Scheine jederzeit gegen eine Gebühr von zwei Prozent des Notenwertes in den Schilling einwechselbar. Eine entsprechend große Schilling-Menge wird in der Raiffeisenkasse als Deckung der Arbeitswertscheine deponiert.
Der Gemeinde-Ausschuss billigt Unterguggenbergers Plan. Drei Tage später bestätigt der Gemeinderat den Beschluss einstimmig – eine erste Sensation im politisch zerrissenen Tirol.
Wien, 22. Juli 1932. Die Machtprobe beginnt um 12.30 Uhr. Sie wird Österreich und später die ganze Welt in Atem halten. Im Büro Richard Kerschagls klingelt in diesem Moment das Telefon. „Grüß Gott, Herr Professor“, meldet sich der Anrufer im Wiener Tonfall beim Chefberater von Österreichs Notenbank-Direktorium, „Ministerialrat Wlassak vom Innenministerium am Apparat. Ich wollt’ Mitteilung machen, dass die Tiroler Landesregierung telegrafisch angewiesen ist, den Ratsbeschluss betreffs Schwundgeld in Wörgl zu sistieren.“
Erleichtert lehnt sich Kerschagl zurück. Die Direktoren der Oesterreichischen Nationalbank waren nervös geworden. Erstaunt hatten die Notenbanker die wohlwollende Presse über die beabsichtigte Aushöhlung ihres Geldmonopols registriert. Solche Schlagzeilen kommen zu einem schlechten Zeitpunkt: Bundeskanzler Engelbert Dollfuß hatte erst vor einer Woche in Lausanne einen Anleihevertrag beim Völkerbund unterschrieben. Ohne den Kredit hätte Österreich seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen können.
Nationalbank-Präsident Viktor Kienböck tut deshalb alles, um die Golddeckung des Schillings wiederherzustellen. Entsprechend den Goldvorräten in ihrem Tresor zieht die Notenbank dazu planmäßig 1000-Schilling-Noten ein. Ende 1932 werden von einst 226800 dieser Scheine noch 26600 übrig sein. Der Preisverfall ist einkalkuliert. Wiens Notenbanker glauben ans Gold. Selbst wenn mit dem Entzug weiterer Zahlungsmittel in Österreich die Wirtschaftkrise kräftig verschärft wird. Zuletzt lässt Kerschagl „betreffs Schwundgeld“ noch einen Brief an die Innsbrucker Nationalbank-Filiale schreiben: „Wegen Abstellung dieses Unfugs“ sei „Veranlassung getroffen“. Der Brief 977 trägt ein aufgestempeltes G – Geheim.
Kaum jemand will glauben, was wahr geworden ist: Das Notgeld treibt den Handel rapide an
Wörgl, Dienstag, 2. August 1932. Michael Unterguggenberger glaubt zu träumen, doch die Stimmen im Flur sind real. Eben erst hat er sich zum Mittagsschlaf hingelegt. Jetzt springt die Tür auf, und seine Frau Rosa steht mit hilflos entschuldigender Miene in der Stube. „Herr Bürgermeister“, Gemeindesekretär Winkler drängt in den Raum, „unsere Arbeitswertscheine sind gefälscht worden. Wir haben erst 1600 Schilling in Arbeitswerten in Umlauf gesetzt, und schon sind 5100 Schilling Steuern einbezahlt worden!“ Doch Unterguggenberger lächelt nur. Auf diese Nachricht hat er gewartet: Am Sonntag sind erstmals Löhne von 50 Notstandsarbeitern in Schwundgeld bezahlt worden. Jetzt, zwei Tage später, liegen die Arbeitswerte bereits zum dritten Mal in der Kasse. Die neuen Noten bringen den örtlichen Handel ordentlich in Schwung.
Wien, Donnerstag, 25. August 1932. Im Justizministerium hackt Dr. M. Kossegg wütend auf der Schreibmaschine herum. Von der Tiroler Landesregierung hatte der Jurist eine Stellungnahme der für Wörgl zuständigen Bezirkshauptmannschaft Kufstein erhalten – „zur allfälligen weiteren Weisung“. Man könne in den Arbeitswerten kein Geld erblicken und damit auch keine Verletzung des Banknotenprivilegs. Es handle sich vielmehr um „eine Art bargeldlosen Zahlungsverkehr“ sowie einen „anerkennenswerten Versuch“, die „allgemeine Notlage zu lindern“. Das Vorhaben gehöre „im öffentlichen Interesse“ gefördert. Ein solches Schreiben hatte Kossegg noch nie in den Händen gehalten. Bezirk und Land weigerten sich, eine Weisung der Bundesregierung auszuführen – ein einmaliger Vorgang! Kossegg präzisiert: Verboten seien laut „Artikel 122 der Nationalbanksatzung“ auch „Anweisungen und Schuldverschreibungen“, die „als Geldzeichen verwendet werden können“. Kossegg unterstreicht „können“ dick, bevor der Brief per Boten zur weiteren Ausfertigung ans Kanzleramt geht.
Wörgl, im November 1932. Josef Elsner, 18, springt in Deckung. Die Detonation ist bis in den Nachbarort zu hören. „Mit Pickel und Spaten haben wir die Felstrümmer am Hennersberg abgeräumt. Jeden Tag. Montags bis samstags. Von sechs früh bis mittags um zwölf“, wird sich Elsner sieben Jahrzehnte später erinnern. „Für die Schicht hab’ ich zwei Schilling in Notgeld gekriegt. Das war nur ein Notgroschen. Aber ich hab’s gern gemacht. Viele sind ja einbrechen gegangen. Das wollt’ ich nicht. Im Dorf herrschte Aufbruchstimmung. Die Leut’ waren stolz auf sich. Als das Geld weg war, hatt’ ich keine Arbeit mehr. Warum wurd’ das Schwundgeld nicht in ganz Österreich eingeführt?“
Wörgl, Sonntag, 18. Dezember 1932. Der Besuch des Herren aus Genf war lange angekündigt. Michael Unterguggenberger hat die Akten auf dem Schreibtisch gestapelt: Gemeindesteuereingänge, Zahlungen für Strom, Wasser und Abwasser, die Abrechnung für das erste Nothilfe-Bauprogramm über 31222,42 Schilling – alles prüft der Doktor der Nationalökonomie, Hermann Scheibler. Unterguggenberger hätte sich die Mühe sparen können. Scheibler ist seit heute früh vom Experiment überzeugt. Da hat der Genfer Mitarbeiter des US-Ökonomen Irving Fisher die Baustellen inspiziert. Während im Müllnertal die Kalkbreche am Berg ratterte, redete Scheibler mit den Arbeitern, die vor Ort Randsteine gossen. Dann war Scheibler in den Läden. „Das Notgeld is’ a wahrer Segen“, sagt die Gemischtwarenhändlerin Maria Lanzinger jedem, der fragt. „Sogar die Bauern nehmen das Geld.“
Die Amerikaner reagieren sofort. Kaum ist Scheiblers Bericht in New York, gründet Fisher die Rational Dated Scrip Association. Der renommierteste Geldtheoretiker seiner Zeit behauptet nun, „Stempelgeld nach Gesell und Fisher“ könne die Depression binnen Wochen überwinden. Die größte Radiostation Amerikas, NBC, sendet einen Vortrag von Fisher-Mitarbeiter Hans Cohrssen. Ende Januar 1933 wird Cohrssens Rede auch in Deutschland ausgestrahlt – Wörgls Bürgermeister ist dabei, ein Weltstar zu werden.
Wien, 18. Februar 1933. In den dunklen Fluren des Finanzministeriums brennt an diesem Samstagmorgen Licht. Mit drohendem Unterton telefoniert Ministerialrat Hans Rizzi mit dem Department 16 im Kanzleramt. Der Finanzminister persönlich hatte ihn auf die delikate Angelegenheit angesprochen. Nachdem Rizzi seine Wut in den Hörer entladen hat, verfasst er einen Brief an seine Gesprächspartner im Kanzleramt: „Mit aller Beschleunigung“ sei das Notgeld-Verbot nun endlich durchzusetzen. Wörgl steht im Begriff, zur nationalen Bedrohung zu werden. Obwohl der Bezirk Kufstein am 5. Januar den Verbotsbescheid zugestellt hat, lässt der Bürgermeister das Experiment weiterlaufen. Unterguggenberger verweist auf eine Berufung, die er gegen das Verbot bei der Tiroler Landesregierung eingelegt habe. Am 19. Januar kommt die nächste Hiobsbotschaft für Wien. Wörgls Nachbarort Kirchbichl gibt ebenfalls Freigeld aus. Die Gemeinden erkennen ihre Scheine wechselseitig an. Auch Hopfgarten, Westendorf und Brixe haben eine Ausgabe beschlossen.
Hopfgarten, Sonntag, 19. Februar 1933, 20 Uhr. Unter den schweren Deckenbalken im Gasthof Krone drängen sich 200 Bürger in Loden und Lederhosen. Fasziniert lauschen sie Unterguggenbergers Zahlen. „Wir machen weiter“, ruft Unterguggenberger in den verrauchten Saal. „Wir werden von der Landesregierung eine Legalisierung verlangen.“ Dann spricht Pfarrer Schlechter aus Westendorf: „Wörgl ist ein Befreiungsfunke. Er wird den Feuerbrand entfachen, der die internationale Hochfinanz zerschlägt.“ Frenetischer Beifall. Die Geldrevolution hat Gottes Segen.
Die Obermarxisten in Wien stehen dem Experiment nicht bei – sie fürchten um Einfluss und Posten
Wörgl, Freitag, 14. April 1933. Von der Fensterbank des Bürgermeisterbüros leuchten rote Geranien. Das helle Klingen der Pickel, das Knirschen der Spaten hallte den ganzen Winter durch den Ort. 60 Wörgler teeren pausenlos die einst schlaglochübersäten Straßen, schleppen Baumaterial für das Waschhaus herbei, in dem künftig Wörgls Hausfrauen Leinen, Tuch, Hosen und Röcke reinigen können. Auch das Gemeindeamt ist neu verputzt, für die Landstraße ins Wildschönauer Gebirge wird gerade die erste Stahlbetonbrücke im Stadtgebiet fertig gestellt. „Erbaut mit Freigeld im Jahre 1933“, kündet stolz die Marmortafel in der Betonbrüstung. „Lindert die Not, gibt Arbeit und Brot“ – das auf den Freigeldnoten aufgedruckte Motto ist jetzt auch für die Ärmsten begreifbar: Freiwillige schenken Hilfsbedürftigen täglich Suppe aus. Ein Holzhaus gewährt Obdachlosen nachts Unterschlupf.
Tirols Landesregierung hat inzwischen die Beschwerde gegen das Freigeld-Verbot abgewiesen. Unterguggenberger kann jetzt nur noch auf Zeit spielen. Er schreibt dem Kufsteiner Bezirkshauptmann, dass er in Innsbruck einen Aufschub beantrage, bis Wien abschließend entschieden habe. Doch das Kanzleramt hat längst den Daumen über das Experiment gesenkt. Und Unterguggenberger weiß es. Trotzdem: Die offensichtliche Finte beschäftigt die Bürokratie für Tage.
Wien, Freitag, 16. Juni 1933. Das Schreiben der Nationalbank trägt die Überschrift „28. Erledigung“. Doch erledigt ist immer noch nichts. Stattdessen sieht die Bank inzwischen Gefahr in Verzug: „Zur Hintanhaltung eines Umsichgreifens dieser Bewegung“ solle das Finanzministerium endlich „energischer“ vorgehen. „Die Propagandatätigkeit des Bürgermeisters“ habe „einzelne Raiffeisenkassen“ veranlasst, „mit der Idee des Genannten zu liebäugeln“, hatte Innsbrucks NationalbankFiliale zuvor nach Wien berichtet. Doch die Staatsgewalt erreicht Wörgl nicht. Unterguggenberger ist längst zum Volkshelden avanciert: ein David, der es mit dem internationalen Großkapital aufnimmt. Selbst in Berlin spricht ihm das »12-Uhr-Blatt« „Weltbedeutung“ zu; Wiens Presse berichtet überschriftengroß vom „Zauberer von Wörgl“. Nur die sozialistischen Parteioberen möchten von Unterguggenberger nichts hören: Freigeld steht nicht im Parteiprogramm. Den Obermarxisten im roten Wien sind ihre Posten wichtiger.
Wörgl, Freitag, 18. August 1933. Claude Bourdet ist gerade dabei, einen Fehler zu begehen. Der Journalist schiebt eine Wiener Zeitschrift über den neuen polierten Eichentisch im Gemeindebüro. „Vorbild Wörgl“, „mutiger Bürgermeister“ – jedes Wort, das Unterguggenberger beim Überfliegen des Textes registriert, verdüstert seine Miene. „Was ist das alles für ein Kauderwelsch?“, fragt er Bourdet halb verärgert, halb geschmeichelt.
Unterguggenberger fürchtet, Opfer der eigenen Publizität zu werden. Selbst mit einer Verhaftung muss er nun rechnen. Vorm Gemeindeamt herrscht indes Volksfeststimmung. Täglich laufen die Kinder hinter neuen Autos mit exotischen Kennzeichen her. Auch in den rustikalen Gasthäusern offenbart sich die Umwälzung. Zwischen Bauerngesichtern sitzen nun Journalisten, Politiker und Wissenschaftler in feinstem Tuch. Selbst Astrologen fühlen sich angezogen. Dank der besonderen Stellung des Neptuns, erklären sie Unterguggenberger, sei er zur „Überwindung des Metallismus“ der Goldwährung berufen.
„Die Straßen gleichen Autobahnen“, schwärmt Bourdet im Pariser Magazin »L’Illustration« am 9. September. „Wörgl – ein neues Mekka der Ökonomie“, titelt das Blatt.
Wörgl, September 1933. Der turbulente Sommer mit den vielen Besuchern im Hause des Bürgermeisters verblasst allmählich in der Erinnerung. Dennoch legt Rosa Unterguggenberger geradezu mechanisch das Silberbesteck auf, als sie französische Wortfetzen aus der Diele hört. Frankreichs Ministerpräsident Édouard Daladier hatte in der bürgerlichen »L’Illustration« einen großen Artikel über einen kleinen Tiroler Ort gelesen – und sich von Brüssel aus auf den Weg gemacht. Als Daladier eintrifft, gibt es das Wundergeld wahrscheinlich nicht mehr: Am 15. September muss Unterguggenberger die Noten einziehen – Wien und Innsbruck hatten mit dem Einsatz der Polizei gedroht.
Der Bürgermeister erzählt, wie es gelang, fast 132000 Schilling Steueraußenstände einzutreiben, wie überrascht sie alle von der Schnelligkeit waren, mit der das Freigeld von Hand zu Hand ging und Werte schaffte. Einzelne Bürger hätten ihre Steuern sogar im Voraus entrichtet, um dem Schwund zu entgehen. Die Gemeinde habe für mehr als 100000 Schilling Straßen, Brücken und Häuser gebaut. Es dauert immer einige Sekunden, bis das Tuscheln des Dolmetschers verebbt und Daladier die nächste Frage stellen kann. Stundenlang unterhält sich Daladier so mit Unterguggenberger. Dann reist er ab.
1943 sperrt die SS den Ex-Präsidenten auf Schloss Itter ein. Von der Außenstelle des KZ Dachau hat Hitlers prominentester Gefangener einen prächtigen Ausblick auf einen Ort namens Wörgl. Erst am 4. Mai 1945 befreien US-Soldaten den Inhaftierten. Im Tal toben da noch Kämpfe.
Das Wörgler Geldexperiment wird am 18. November 1933 vom Verwaltungsgerichtshof in letzter Instanz verboten. Während der 13,5 Versuchsmonate hatten rund 100 Arbeitslose ein neues Auskommen gefunden. Die Zahl der Arbeitslosen ging damit in Wörgl um 16 Prozent zurück, während sie in Österreich gleichzeitig um 19 Prozent anstieg. Wörgls Nothilfe-Komitee hielt im Schnitt Arbeitsbestätigungen im Wert von 5490 Schilling in Umlauf. Auf jeden Bürger entfielen somit nur 1,3 Schilling in Freigeld. Die Nationalbank hatte gleichzeitig 158,76 Schilling pro Österreicher in Umlauf; jeder Schilling der Nationalbank, das ergibt eine Berechnung der Umlaufgeschwindigkeit der nationalen Währung, sorgte im Versuchszeitraum für den Absatz von Waren im Wert von 8,55 Schilling. Ein Schilling in Freigeld hingegen setzte jährlich bis zu 73 Schilling Sozialprodukt um. Wörgls Betriebe konnten dank der Wörgler Lokalwährung Waren für mindestens 270000 Schilling zusätzlich absetzen – das waren rund 17 Prozent der lokalen Produktion.
Wörgl, Mittwoch, 23. Dezember 1936. Schnee ist gefallen. Ein eisiger Wind fegt durch die Gassen. Die Bahnhofstraße ist dennoch schwarz vor Menschen. Sie geben einem Toten das letzte Geleit, auf dessen Sarg das grüne FFF-Banner der Gesell-Bewegung liegt: „Freiland, Freigeld, Freihandel“. An der Spitze des Trauerzugs, direkt hinter der schwarzen Zweispänner-Kutsche, läuft die Ehefrau des Verstorbenen, Rosa Unterguggenberger, mit ihren beiden Kindern Lia, 10, und Silvio, 1. Hunderte Freunde, Verwandte, Bekannte und Unbekannte folgen ihr. „Es war erschütternd. ,Michl, unser Michl, wimmerten die Leute. Sie haben geweint, geschluchzt“, erzählt Unterguggenbergers Tochter Lia fast ein dreiviertel Jahrhundert später. Unterguggenberger hatte drei Monate im Koma gelegen, bevor er am 19. Dezember mit 52 Jahren an Herz- und Lungenversagen starb. Er hatte tatenlos mitansehen müssen, wie er nach den sozialdemokratischen Februaraufständen 1934 von Wien für abgesetzt erklärt wurde. Ohne Gegenwehr befürchten zu müssen, hatte seither Österreichs düpierte Nationalökonomie zum Propagandaschlag ausgeholt: „Der Bluff von Wörgl“, „Der Schwindel von Wörgl“ – so lauteten nun die Schlagzeilen. Der Ökonom Franz Klein bescheinigte dem Versuch entgegen allen Messungen vor Ort, der Inflation Vorschub geleistet zu haben. Alfred Hornung, ausgerechnet Doktorant des Nationalbank-Beraters Kerschagl, behauptete, durch die wenigen Schwundnoten könnte „unmöglich“ die Ortswirtschaft gesundet sein.
Auch in Amerika war die Stamp-Scrip-Bewegung gescheitert. Zwar hatte John Maynard -Keynes 1935 prophezeit, dass „die Zukunft mehr vom Geiste Gesells“ lernen werde als von Marx. US-Präsident Franklin Roosevelt hatte jedoch 1933 alle Versuche verboten, nachdem der Bundesstaat Oregon Antrag auf ein freigeldfinanziertes Beschäftigungsprogramm gestellt hatte. Gleichzeitig beuteten die Nazis Gesells Theorie für ihre Zwecke aus. Hitlers Chefideologe Gottfried Feder benutzte den Begriff „Zinsknechtschaft“ für antisemitische Propaganda.
Wörgl, Tokio, 25. März 1999. Vier Mitarbeiter des japanischen Staatsfernsehens NHK filmen im Heimatmuseum des Tiroler Ortes. In Japan gärt seit Jahren eine Krise, die Ähnlichkeiten mit der weltweiten Deflation nach 1929 aufweist – und von der Ökonomen inzwischen befürchten, dass sie auch auf Europa übergreifen könnte. Die Japaner wollen lernen, wie sich das vermeiden lässt. Die Kamera fängt ein Schild ein, das mal an einer Brücke befestigt war: „Erbaut mit Freigeld im Jahre 1933“. Das Schild ist noch da.
Zusatzinformationen:
Der Staat braucht nicht borgen, wie Wörgls Bürgermeister nachwies, der Milch ausfuhr
und dessen Frau Hemden und Lederhosen verkaufte und auf dessen Bücherbord Henry Fords Leben stand
und eine Ausgabe der „Göttlichen Komödie“ und die Gedichte von Heine.
Ein nettes Städtchen im Tirolerland, in einer flachen Talsohle gelegen,
nicht weit von Innsbruck, und als ein Schein der Kleinstadt Wörgl über die Theke wanderte
in Innsbruck und der Bankier es wahrnahm, geriet der Geldklüngel Europas aus dem Häuschen.
„ Keiner“, sprach die Frau Bürgermeister, „in diesem Dorf, der einen Artikel schreiben konnte.
Wussten, dass es Geld war, doch gaben vor, es sei keins, um sicherzugehen vor dem Gesetz.“ …
Steuern sind nicht mehr vonnöten im alten Sinn, wenn es (das Geld) durch geleistete Arbeit gedeckt ist
innerhalb eines Systems, nach Maß und Bedarf der Menschen innerhalb von Nation oder System
und entwertet im Maßstab von Gebrauch und Verbrauch à la Wörgl …
Ezra Pound, „Pisaner Gesänge“, Canto LXXVIII
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