Archiv der Kategorie agriculture

Marine Stewardship Council

http://de.wikipedia.org/wiki/Marine_Stewardship_Council

Getreide ist das neue Gold

Von Frank Seidlitz 25. Oktober 2009, 04:00 Uhr

http://www.welt.de/die-welt/wirtschaft/article4967889/Getreide-ist-das-neue-Gold.html

Ein Wettlauf um Ackerböden und Rohstoffquellen ist entbrannt. Reiche Schwellenländer wie Saudi-Arabien und Wachstumsriesen wie China sichern sich weltweit Land und Anbaulizenzen. Die Uno warnt schon vor einem “Neokolonialismus”. Die Regierungen der Industriestaaten sind alarmiert, denn das Ringen um Nahrungsmittel- und Ölversorgung droht politische Konflikte zu provozieren

Die Unterschrift kostete Marc Ravalomanana sein Amt. Schon in den Wochen und Monaten vor dem Vertragsabschluss zwischen der Regierung Madagaskars und dem südkoreanischen Daewoo-Konzern rumorte es auf der Insel vor Afrika gewaltig. Ravalomanana löste einen regelrechten Bürgerkrieg aus: Dem Präsidenten wurden ein diktatorischer Regierungsstil und massive Korruption vorgeworfen. Der Vertrag mit Daewoo war dann nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte der 59-Jährige die Hälfte des fruchtbaren Ackerlandes Madagaskars verscherbeln wollen. Auf rund 1,3 Millionen Hektar hätte Daewoo über 99 Jahre etwa Futtermais für Südkoreas Schweine anbauen können. Dabei ist Madagaskar selbst auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Im Februar stürzte er dann über diesen Landverkauf.

Das war ein vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die in Zukunft für noch heftigere Auseinandersetzungen und Wirtschaftskonflikte sorgen könnte: “Offshore Farming”. Kritiker nennen es schlicht “Landraub”. Der weltweite Wettlauf um Grund und Boden hat in den letzten beiden Jahren enorme Ausmaße angenommen. “Nach den Rekordpreisen beim Öl drohen nun Preisexplosionen bei Agrarböden und Rohstoffen und neue Verteilungskämpfe um die knappen Güter”, warnt ein ranghoher Diplomat des Auswärtigen Amtes. Der Daewoo-Vertrag mit Madagaskar ist dafür der beste Beleg und reiht sich in eine Entwicklung ein, die derzeit stark an Geschwindigkeit gewinnt.

Reiche Ölstaaten und boomende Schwellenländer sichern sich weltweit immer mehr Agrarflächen, Abbaugebiete für seltene Rohstoffe und exklusive Lizenzen für die eigene Ölversorgung. Experten schätzen, dass allein in Afrika innerhalb von drei Jahren rund 20 Millionen Hektar an ausländische Investoren gegangen sind. Unter denen, besonders brisant, befinden sich immer öfter auch staatliche Akteure. Jacques Diouf, der Chef der Welternährungsorganisation FAO, warnt daher bereits vor einem “Neokolonialismus” und neuen Abhängigkeiten in der Weltwirtschaft.

Kaffeekrise


http://www.staytuned.at/sig/0025/32938.html

 

von Sarah Cox

 

Lateinamerikanische Staatsoberhäupter nennen es ‘die schlimmste Krise der letzten 100 Jahre’. Durch das katastrophale Versagen des unregulierten globalen Marktes findet sich die Welt vor einer weiteren Krise der Überproduktion und des zerstörten Lebens. 

Der unmittelbare Grund ist eine Schwemme von Kaffeebohnen auf dem Weltmarkt, die die Preise gedrückt hat. Exportpreise sind auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrhundert gefallen, unter Berücksichtigung der Inflation.

 

Als Ergebnis verkaufen Kaffeebauern - in der Mehrheit arme Teilpächter - ihre Bohnen weit unter den Produktionskosten. Oxfam International schätzt, dass der Lebensunterhalt von 25 Millionen kleinen Kaffeebauern auf dem Spiel steht. ‘Familien, deren Einkommen von Kaffee abhängen, ziehen ihre Kinder (besonders Mädchen) aus den Schulen, können sich keine Grundmedikamente mehr leisten und reduzieren ihre Ernährung.’ Aber wenige Menschen, die ihren Milchkaffee oder Espresso schlürfen, werden sich der Krise bewusst.

 

Wie sollten wir es auch merken? In der Verbraucherwelt hat sich wenig geändert. Preise von Maxwell House, Nescafé, Folgers und French Roast sind nur geringfügig oder überhaupt nicht gesunken.

‘Die großen transnationalen Konzerne machen einen Haufen Geld,’ sagt Blanca Rosa Molina, eine Kaffeebäuerin aus Nicaragua, die Oxfam nach Kanada gebracht hat. ‘Aber wir bekommen weniger als jemals zuvor.’ Vor fünf Jahren erbrachte der Kaffee aus der Kaffeegenossenschaft von Molina US$ 1,80 pro Pfund. Jetzt ist das Pfund Bohnen nur noch 50 Cent wert. 

In der nord-nicaraguanischen Region Matagalpa, wo Molina zuhause ist, sind mehr als vierzig größere Kaffeefarmen pleite gegangen oder liegen brach. Schätzungsweise 6.000 heimatlose Kaffeearbeiter und ihre Familien kampieren in Behelfsunterkünften entlang der Straßen und in städtischen Parks, betteln um Nahrung und Hilfe von Passanten. Fast die Hälfte der Kinder der Region, schwangere Frauen und ältere Menschen leiden unter Mangelernährung.

 

Alleine im letzten August verhungerten nach Reuters zwölf arbeitslose Kaffeearbeiter und ihre Familien in der Gegend von Matagalpa. Bis Ende September ist die Todesrate laut Molina auf 120 gestiegen. ‘Man sieht Kinder am Rand der Autostraßen verhungern,’ sagt Molina.

In Guatemala hat die Krise 70.000 Menschen arbeitslos gemacht und die Arbeitslosigkeit auf 40% hochgetrieben. Das Kaffeedebakel hat die Wirtschaft einiger bereits verarmter Länder steil abfallen lassen. In Afrika stürzen Länder, die schon von Schulden, Dürren und Krankheiten geschlagen sind, in ein weiteres Desaster. 

 

Entwicklungsländer haben noch vor wenigen Jahren US$ 10 Milliarden für Kaffee-Exporte eingenommen. Jetzt sind es wenig mehr als die Hälfte, so Néstor Osorio, der geschäftsführende Direktor der Internationalen Kaffeeorganisation (ICO). In Burundi beträgt der Kaffee-Export 80% des gesamten Exports, in Äthiopien fast 50%. Ohne das Einkommen durch Kaffee sind weniger Mittel für Schuldendienst, Aids-Bekämpfung oder Schulen verfügbar. 

‘Es ist eine Krise mit sozialer Dimension, die politisch explosiv ist,’ erklärt Osorio. Auf einer kürzlichen Reise nach Kolumbien sah er Luftaufnahmen von Kaffeefarmen mit Coca bepflanzt.

 

Deregulierung des Kaffeemarktes

Seit 1962 war der Kaffeehandel durch das internationale Kaffeeabkommen reguliert. Der Handelsvertrag setzte Exportquoten für Erzeugernationen fest und hielt den Kaffeepreis ziemlich stabil. Dann zog sich vor einem Jahrzehnt der größte Kaffeeverbraucher, die USA, zurück. Die USA sagten, das Abkommen liefe durch das Halten hoher Preise ihren Interessen zuwider. Kanada zog sich gleichzeitig zurück.

 

Kaffeequoten und Preiskontrolle waren am Ende. Kleine Produzenten, wie Vietnam, beeilten sich, den ‘Dollarbaum’ zu ernten. In einem Jahrzehnt wurde Vietnam weltweit zum zweitgrößten Kaffeeproduzenten nach Brasilien. Im Gefolge des Zusammenbruchs des Kaffeeabkommens drängten Weltbank und IWF afrikanische Länder, ihre Kaffeeindustrie zu liberalisieren und ihre Staatsagenturen aufzulösen, die die Bohnen zu garantierten Preisen kauften. Den Bauern wurde ein komfortables Einkommen zugesagt, aber Globalisierung und Liberalisierung hatten den gegenteiligen Effekt. ‘Die Gesetze von Angebot und Nachfrage wirkten zum Schaden der afrikanischen Produzenten und zum Nutzen der weltweiten Spekulation,’ berichtete Togos Premierminister Messan Agbeyone Kodjo Delegierten der ICO-Konferenz im letzten Mai.

 

‘Derzeit empfinden afrikanische Kaffeebauern ein Gefühl der Frustration und inneren Revolte’ erklärt er. ‘Sie fühlen sich hilflos. Kaffeepreise, von internationalen Gruppen und den multinationalen Gesellschaften bestimmt, sind völlig außerhalb ihrer Kontrolle.’

Vor einem Jahrzehnt erhielten Entwicklungsländer für jeden US$, der für eine Tasse Kaffee ausgegeben wurde 30 Cent; jetzt berechnet Oxfam, dass sie weniger als 10 Cent pro Tasse bekommen. Der unbekannte Bauer, der die Bohnen für unseren Espresso anbaut, erhält nur zwei Cent von den US$ 1,71, die wir bezahlen. 

 

Ein lukratives Geschäft

Doch Kaffee bleibt für die an der Spitze der Industrie ein lukratives Geschäft. Fünf multinationale Gesellschaften kaufen jährlich fast die Hälfte der Kaffeebohnen der Welt. Darunter sind Sara Lee Corporation (Produzenten von Hills Bros. und Chock Full o’Nuts), Nestlé (Produzent von Nescafé) und der Tabakriese Altria, dem Kraft Food (Maxwell House und die Marken Nabob) gehört. Oxfam zufolge Nestlé macht etwa 25% Gewinn auf Instantkaffee; Sara Lee’s Spanne ist etwa 17%.

 

Die Kurve der Kaffeegewinne der Gesellschaften zeigt eine stetige Steigung, während die Kurve der Kaffeepreise, nach dem uruguayanischen Autor Eduardo Galeano, ‘immer einem klinischen Epilepsiediagramm ähnelt’. Globalisierung und Deregulierung haben diese Diskrepanz nur verschlimmert. Wie Galeano zynisch schließt: ‘Es ist viel profitabler, Kaffee zu konsumieren als ihn zu produzieren.’

 

Kontakt zu diesem Artikel: www.alternatives.ca (Quebec/Kanada)

 

Übersetzung: Bernt Lampe

Ehrenamtliches Übersetzungs-Team, coorditrad

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